Ein Vortrag von Prof. Dr. Silke Satjukow (Magdeburg).
Im ersten Nachkriegsjahrzehnt wurden Hunderttausende Kinder geboren, deren Väter feindliche Soldaten und deren Mütter zumeist junge Deutsche waren. Zeit ihres Lebens trugen diese Kinder ein doppeltes Stigma: Sie waren von unehelicher Geburt und Kinder einer Vergewaltigung oder gar einer Beziehung mit dem verhassten Feind. Ihr soziales Umfeld grenzte sie aus, verhöhnte und misshandelte sie psychisch und physisch – sie galten als „Bastarde“, „Russenbälger“, „Amikinder“ oder gar als „Negerbrut“. Während Briten, Amerikaner und Russen weder an den Müttern noch an ihrem Nachwuchs Interesse zeigten, organisierten die Franzosen geheime Babytransporte nach Paris und nach Nordafrika. Dort bekamen die Kinder neue Identitäten und wurden zur Adoption freigegeben – das Schicksal dieser „Franzosenkinder“ blieb bis heute im Dunkeln. Der Vortrag zeichnet die Geschichte dieser lange beschwiegenen Kinder nach. Es zeigt sich, dass die „Ankunft“ der Besatzungskinder in den beiden deutschen Nachkriegsgesellschaften nicht nur Probleme und Risiken, sondern auch Chancen barg. Sie blieben durchaus nicht nur drangsalierte und diskriminierte Opfer. Allein durch ihr Dasein stellten sie eine ständige Herausforderung für ihr Umfeld dar; sie avancierten so zu Medien europäischer und transatlantischer Aushandlungs- und Annäherungsprozesse. Und sie wurden den von der nationalsozialistischen Rassenideologie geprägten Deutschen zu wesentlichen Vermittlern neuer, weltläufiger und liberaler Wertewelten.
Silke Satjukow, geb. 1965; Studien der Ge-schichte, Germanistik, Philosophie, Erziehungs- u. Kommunikationswissenschaften an den Universität Berlin, Erfurt u. Jena; 1999 Promotion an der Universität Jena; 1999/2000 wiss. Mitarbeiterin am Forschungsprojekt "Kulturgeschichte von Infrastrukturen" an der Universität Jena; 2001/2002 wiss. Bearbeiterin eines Projektes zur vergleichenden Propagandageschichte Mittel- und Osteuropas; 2007 Habilitation an der Universität Jena; 2008 Gastprofessorin an der TU Dresden; seit 2011 Professorin für die Geschichte der Neuzeit an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Beginn: 18 Uhr



